Der erste Tag

Ist es möglich, oder gar notwendig, einen Schöpfungsmythos neu zu formulieren? Die basalen Erzählungen der Nationen greifen auf Kriege und Aufstände zurück, an deren Ende sich eine Volksgruppe aus dem Nebel schält. Sollten wir nicht in einer postnationalen Zeit an die Ursprungsmythen anknüpfen?

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13 Gedanken zu „Der erste Tag

  1. Eine Politik, die Mythen schafft, erschiene mir absonderlich bis gefährlich. Entweder sie vereinfacht tendenziell im Sinne einer „Volksmetaphysik“ (Schopenhauer, Ueber Religion) oder sie folgt der schönen Illusion, in einem Als-ob heilen oder forttrösten zu können, was nun mal problematischer Anteil des Menschlichen ist. Entmythologisierend mit Sophokles‘ Chor in „Antigone“: „Ungeheuer ist viel, aber nichts ungeheurer als der Mensch.“ – Aber: Jeder gesetzte, nicht gleich semantisch verifizierte Begriff ist doch schon Mythos, „postnationales Zeitalter“ ebenso wie bspw. die sogleich positiv konnotierte „Ganztagsschule“, die für mich ein Horror gewesen wäre. Kurz: Säkularismus und wache Sprachkritik erschienen mir angezeigter, als positive Mythen nachreichen zu wollen. Es werden ohnehin täglich neue beschworen, nicht nur in der Werbung. Du kennst doch auch noch die alten … Gegenüber Europa lautet der erste neue Mythos: „Europa“.

  2. mag sein, dass die schöpfung/genesis aus einer momentan bestehenden utopie heraus erzählt/entworfen wird. wer in einem gewissen sinne gleichheit anstrebt, geht davon aus, das der mensch im ursprung gleich sei, und alle ungleichheit durch bestimmte verwerfungen entstanden ist. für platon waren mann und frau zunächst kugel, erst in der trennung wird es möglich, von geschlecht zu sprechen, natürlich funktioniert dertrennprozess normiert, so das zuschreibungen möglich sind, der riss trennt beine von beinen, arme von armen und kopf von kopf. worauf ich hinaus will, ist aber, dass wenn wir uns einer herkunft versichern, sie konstruieren, wir auch das konstruieren müssen/sollten, was wir erreichen wollen.

  3. Die Frage wäre, ob es überhaupt eine gemeinsame Ursprungsidee für die gesamte Menschheit geben kann. Urei? Urknall? Oder ob der Mythos nicht das kulturelle Bedürfnis nach linearer Erzählung herstellt und daher auch die Unterschiede braucht. Wer erzählt uns einen neuen Ursprungsmythos? Einen des 21. Jahrhunderts?

    • ja das ist eine frage. und damit wirft sich auch die nach einem universalismus auf, die ich für mich kaum beantworten kann. natürlich weiß ich, dass es immer ein fehler ist, die eigene position absolut zu setzen. andererseits erscheinen mir gewisse prämissen aus einer universellen vernunft heraus formuliert. (du sollst nicht töten! oder: handle so, dass die maxime deiner handlung zum allgemeinen gesetz …)

      • Sollten wir nicht unterscheiden zwischen Zehn Geboten-Präsmissen und Ursprungsmythos? Ein Ursprungsmythos ist für mich ein Blick auf einen langen Weg zurück, was kann der Anfang gewesen sein, wenn man von heute schaut?

      • Ohne in einer Weise theorielastig werden zu wollen, die m. E. von Deinem Thema wegführt, ein kleiner Hinweis dazu: Vom Konstanzer Philosophieprofessor PETER STEMMER gibt es interessanten Gedanken dazu, Normativität, meinetwegen „universelle“, aus nicht-normativen Elementen „kontraktualistisch“ herzuleiten. In einer – mit Blick auf Kant – interessanten Differenzierung von Sollen und Müssen revidiert er, etwa so: „Was ist mit dem kategorischen Vernunftgebot gemeint? Gemeint ist, daß eine Überlegung – so übersetze ich die Rede von der Vernunft – uns zu der Einsicht bringt, daß wir etwas tun müssen, und zwar tun müssen unabhängig von jeglichem Wollen. Ich kann nicht sehen, daß es solche Vernunftgebote gibt. Eine praktische Überlegung ist wesensmäßig auf ein Wollen bezogen, wir überlegen immer im Blick auf etwas, was wir wollen, und wenn sich ergibt, daß wir eine bestimmte Handlung tun müssen, dann relativ auf eine zugrundeliegendes eigenes Wollen.“ (Stemmer, P., Gründe und Normativität) – Überhaupt meine ich, Dein Ansatz, Mythen installieren zu wollen, folgt einer spezifisch deutschen Mentalität des Philosophischen, wenn ich nur an deutschen Idealismus denke.

    • Sehr geehrte Frau Richter, bedeutete, einen Ursprungsmythos des 21. Jahrhunderts erzählen zu wollen, nicht ein sehr bedenkliches Unterfangen vorzuschlagen, im „Wer-erzählt-uns …?“ auch noch in Autorschaft irgendeiner Person oder (politischen) Gruppe? Womit wir allerdings beim Thema wären: Der Ursprungsmythos des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist mindestens das zwanzigste, ein Jahrhundert, das kaum etwas ausließ und nirgendwo haltmachte. Oder genauer: Ursprungsmythos ist das, was über dieses Jahrhundert erzählt wird – insbesondere in bezug auf die m. E. tatsächlich nicht weniger als mythologisch anmutende Illusion, daß daraus gelernt würde in der Weise, wie es endlich besser weiterginge mit dem Hegelschen Weltgeist und all seinen Listen der Vernunft. Ich bin sehr skeptisch gegenüber der Didaktik des Geschichtlichen, mehr noch gegenüber den unweigerlich damit verbundenen Mythologisierungen, die sofort über Vergangenes einsetzen, wenn es vergangen scheint. 2.) Noch eine Fußnote aus zwanzigjähriger Erfahrung als Geschichtslehrer: Bei allem Engagement und hoffentlich Geschick gelang es mir in den letzten Jahren immer weniger, selbst Abiturienten Geschichte plausibel zu machen, obwohl das Fach als „politische Bildung“ über ausreichend Stunden verfügte. Das Publikum erschien von sich aus dem Geschichtlichen, also dem Wissen darüber, entkoppelt – eine Generation ohne bewußtes Herkommen und ohne die Frage danach zu stellen. Gewissermaßen so enthistorisiert wie entpolitisiert. Insofern Mythen-von in verhängnisvoller Weise aufgeschlossener als kritisch geprüftem Wissen-über.

  4. jaja. ganz sicher, aber ich denke, das der ursprungsmythos aus einer bestimmten haltung heraus konstruiert oder erzählt wird, dass also der standpunkt des erzählenden in die erzählung eingeht. wenn adam die tiere benennt, macht er das gewissermaßen stellvertretend für alle menschen und gibt ihnen in der erzählung natürlich die tradierten namen. (als kinder haben wir diskutiert, ob eine ziege nicht auch schwein oder igel heißen könnte, und das schwein zebra usw.)

    • Als das Schwein Zebra war, und als der Mensch Kind war, als der Igel Wolke war und die Wolke Beduinin. Das Raunen, das Raunen der Erzählung. Ich frage mich, wie man heute Ursprung erzählen würde. Welchen Stil könnte man finden? Ich bin da selbst überfragt. Ben Okri hat das versucht, in biblischer Sprache zu schreiben, aber es wäre ja eher eine neue Sprache gefragt.

      • in der bibel straft gott die menschen für hybris und ausschweifung mit der babylonischen sprachverwirrung. damit wird die allen verständliche ursprache adams außer kraft gesetzt. die vorstellung aber unmittelbar von allen verstanden zu werden lebt fort (babelfisch in per anhalter durch die galaxis, aber auch in solchen schöpfungen wie der kunstsprache esperanto).
        wir jedoch sollten von der vielsprachigkeit (bis hin zu dialekten und färbungen) als reichtum aus gehen. von der produktiven kraft der übersetzung aber auch des irrtums und des missverständnisses.(das setzt natürlich friedfertigkeit voraus)

  5. Ich wäre für eine beständig fliessende Abfolge von Mythen, incl. Korrekturen, Abänderungen, Überschreibungen, Adaptionen, Wandlungen, ungefähr so wie die Schöpfung selber, ein unausgetzter Prozess der Mythenproduktion, ein langes Gehen auf unsicherem Terrain, und auf dem Weg begegnest du immer wieder neuen Fabelwesen, Träumen, meinetwegen und leider auch Alpträumen, denn es darf, da gebe ich den Diskutanten weiter oben recht, nicht die eine Instanz geben, die festlegt, was nun bitte gefälligst alle zu glauben haben, soll der Mythos doch wie ein langer Fluss sein, der sich beständig selbst erneuert, oder?

    • aber vielleicht fließt er rückwärts, der fluss, entspringt in der gegenwart. wir sehen in in der ferne versickern. ich muss an benjamins engel der geschichte denken, vor dessen auge die trümmer der kriege wachsen.

  6. Die Frage ist doch erst einmal, was wir unter einem Mythos verstehen – ganz sicher ist nicht die rational erfaßte, bzw. überhaupt erfaßbare Historie gemeint, die, wenn rational erfaßt, immer auch sich durch politisch bedingte Auslassungen kennzeichnet. Vielmehr geht in jeden Mythos etwas ein, das sich dem rationalen Zugriff entzieht. Dieses ist aber ebenso ein menschlicher Bereich wie das organisierte Bewußtsein. So ist z.B. die Frage nach der Herkunft keine, die etwas mit nationaler Zugehörigkeit zu tun hat, sondern mehr mit einer der, ich möchte das so nennen: kulturellen Heimat. Dazu gehört die Sprache, dazu gehören aber auch Gerüche, Lichtschattierungen usw. Mythos kann, in dem Sinn, als etwas verstanden werden, das auch eine Identität in den Sinnen beschreibt – modern formuliert: sie erzählt. Insofern bin ich scharf anderer Meinung als >>>> dort Heino Bosselemann. Den Mythos Europa halte ich für einen exzeptionell wichtigen, und zwar als einen, der mit dem Orient signifikant mehr zu tun hat als mit den USA. Auch das liegt an kulturellen Herkünften.

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