Der dritte Tag

In der biblischen Genesis tritt das Wort an die erste Stelle, wird die Welt mit der Kunst, mit Literatur eng geführt. Man könnte also annehmen, die Welt sei von vornherein ein künstliches Produkt, ihre Bewahrung soetwas wie eine ständiger Restaurierungsprozess. Aber können wir, wenn wir nur reparieren, über uns selbst hinausgelangen, oder beobachten wir letztlich einen Abbau der Substanz?

kaum ist Mittag, ist der Tag gelungen

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17 Gedanken zu „Der dritte Tag

  1. Der „Abbau“ (Entropie schließlich) ist wahrscheinlicherweise ein Prozeß des Aufbaus. Mit dem „Wie alles schwindet“ nimmt das Bewußtsein gerade z u: wir würden es sonst gar nicht bemerken. Nicht die „Welt selbst“, über die wir, mit Kant gesprochen, gar nichts aussagen, weil wir sie nicht sehen können, wohl aber das Bewußtsein, das wir von ihr haben, ist in der Tat ein literarischer Prozeß: mithin: eine Erzählung.

  2. Ein Zeuge für diese Kopf-Geburten: Walter Benjamin. N A C H der Vollendung
    „Und auch hier ist von einer Geburt die Rede. Die Schöpfung nämlich gebiert in ihrer Vollendung den Schöpfer neu. Nicht seiner Weiblichkeit nach, in der sie empfangen wurde, sondern an seinem männlichen Element. Beseligt überholt er die Natur: denn dieses Dasein, das er zum ersten Mal aus der dunklen Tiefe des Mutterschoßes empfing, wird er nun einem helleren Reiche zu danken haben. Nicht wo er geboren wurde, ist seine Heimat, sondern er kommt zur Welt, wo seine Heimat ist. Er ist der männliche Erstgeborene des Werkes, das er einstmals empfangen hatte.“

    So vollendet gebiert er sich, der (männliche) Schöpfer-Künstler. Nichts mit Schleim, Blasen und dem Gefühl: Selige Überholung der Herkunft aus dem dunklen Schmutzloch hinein in die Helligkeit des WERKES. Steht er dann vor diesem, oh Wunder, begegnet ihm nicht selten eine Frau, die Nicht-Mutter, die er sich schuf. Wie schön. So zart, so geschmeidig, so hingegossen. Seine. So bereit. Ihm. Doch stumm. Schaut sie ihn an. Die Statue. So nackt, wie er sie schuf. Lebt sie nicht. Erschaudert nicht unter seinen Händen. Erwidert nicht den Kuss, den er auf ihre kalten Lippen drückt. Die, er rüttelt an ihren Schultern, die soll LEBEN. Haucht er ihr ein. Pygmalion. Vergebens. Lebte sie, allerdings, schwängerte er sie. Schmutzige Geburten. Schleim, Blut und Schreie. Eine Neue: The statue.

    Es geht auch anders. Man(n) kann ihr unter den Rock schauen. (Wenn man ihr vorher einen anzieht.) In der Erwartung freilich, eine Frau zu sehen. Und ihr Geschlecht. Keine glatte Göttin. Eine die zurückschaut, vielleicht hinunter. Und lebt.

    (zitiert aus: Gleisbauarbeiten vom 15. August 2010: http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2010/08/gebarmythen-musen-blasen-schleim-und.html )

    WIR. Dagegen. Streben nicht nach VOLLENDUNG. Sondern: Weiter.

    • als pygmalion merkte, dass die figur, die er geschaffen hatte, lebendig wurde, sich bewegte, die form verließ, die er ihr gegeben hatte, alterte, falten warf und dergleichen, verliebte er sich nicht in seine schöpfung, sondern setzte dem leben, dass sich als unabhängig erwieß, mit dem meißel ein ende

      • ad Pygmalion, auch >>>> zu MelusineB:

        Erreicht Dich denn einer? Und sieht Dich und wagt Dich? Ach Feigheit der Männer! Ein mannlos enttäuschtes, das sehnige Krampfen, derweil noch die Zunge die Schlagader kost. Fast schon ein Ekel. Anstatt, daß man hineinbeißt! Drück ihn hinweg, diesen schäbigen Kerl. Wie wenig Ich! Zwischen Backe und Backe verkleben, um Ansehn besorgt, unzugegebne Begierden. Dein Blick, der im Raum steht, erlischt in der Melancholie eines Marmors, aus dem Aphrodite den Atem, den in ihn geblasenen, absog, weil er sich, Pygmalion, indem sich das Bildnis bewegte, ganz furchtbar verklemmte. Die freie, fordernde Fremdheit beklomm ihn: daß sie verlangt, was sie gibt: Ganzes.

        sub>ANH, >>>> Bamberger Elegien, Dritte.

  3. Requiem in Rom
    Zur Erinnerung an Beatrix Haustein und Henze
    (Auszug)

    Hinterher ist man klüger, mein Gott
    sagt man, als gäbe es ein Hinterher
    das dem identisch wär was der Erkenntnis vorausgeht.
    Was wusste Gott vor der Schöpfung?
    Wäre sein Wissen nicht,
    wenn es vorher gewesen wäre, eine andere Welt?
    So nehmen wir an:

    er war selbst überrascht über seinen
    Imaginationsraum, jetzt
    kriechen da Fliegen am Fenster
    trotz Fliegengitter und Schnürenvorhang.
    Fliegen über Fliegen auch
    wenn man nicht hinschaut,
    Fliegen in Sauce, Fliegen im Bauch, nicht
    Hummeln, das wäre die bessere Alternative.

    Ich muss aber gestehen, schreibt Augustinus,
    dass ich nicht weiß, weshalb Mäuse
    und Frösche, Fliegen und Würmer
    erschaffen wurden. Ich sehe jedoch,
    dass alle in ihrer eigenen Art schön sind …

    … wenngleich viele uns
    wegen unserer Sünden widrig erscheinen.

    Gott wenn es ihn gibt
    braucht kein Erinnerungsvermögen
    denn das, was er denkt, geschieht
    im Augenblick, wenn er es denkt.
    Wenn er sich erinnert, verdoppelt
    die Zeit sich.Setzt sich nichts zu
    geschieht als wär es noch niemals geschehen
    was wiederkehrt erscheint uns wie neu.
    Aber das würde nichts ändern.
    Wer will schon Misslungenes
    noch einmal senden. Das Gleiche
    auf immer und ewig

    Gott war auch ein wenig enttäuscht,
    was da gedacht war… und
    er hatte ja nur diese eine Option.
    Die Welt keine Strichfassung
    Leider kein Stück für das Theater
    Auf eine erträgliche Länge gebracht
    Die Welt kein Libretto, kein Bild
    von der Welt bleibt die Welt
    als Welt nur wir selbst
    werden Verschwundene sein.

  4. erster gedanke) menschheitsgeschichte als verfallsgeschichte also. war das nicht schopenhauer? mir hat der gedanke immer gefallen, weil er empirisch relatov leicht nachprüfbar ist. man muss nur die nachrichten verfolgen.
    zweiter gedanke) die ewige reparatur der schöpfung, der künstlichen zumal – das rückt den glauben nah an seine repräsentativen bauwerke. allen voran der dom in köln. wird nie fertig ist ewige baustelle von alpha bis omega bis alpha. somit steht ein ewiger verfall auch für den ewigen erhalt – letztlich ein beruhigendes gleichgewicht, es kommt nur auf die leserichtung an.
    dritter gedanke) darüber hinaus. tja, nicht in diesem leben, oder? die überwindung des eigenen ich, des menschen generell, wohin soll die führen? hat nietzsches hybris, so erhellend, seine schriften auch sind, je wirklich genießbare früchte getragen? die erfahrungen in unserem kulturzustand sagen uns, je stärker das licht wird, desto wahrscheinlicher ist das durchbrennen der lampe. in einer feuerwache in livermore (kalifornien) brennt seit den 1890ern eine glühlampe. ihr leuchten ist schwach aber beständig. demut als prophylaxe gegen den substanzabbau?

    • Ständiger Verfall oder Nimmereinende? Macht Gott auf Teilzeit? Braucht die Schöpfung vielleicht eine bessere Life-and-Work-Balance? Was geschaffen wird, wird immer auch seinen Ursprung verlieren und vergessen. Wer sich eine Aufgabe schafft, ist dann mit dem Verwalten beschäftigt. Kann man aus dem Weniger-bis-nichts-Tun auch etwas schöpfen?

  5. vierter gedanke) überhaupt: das licht. enlightenment nennt man die aufklärung im englischen. kein begriff scheint passender. im anfang war nicht das wort, sondern das licht! fiat lux. darauf könnten sich wissenschaft und religion einigen. was ist schon heller als eine supernova, ein urknall, ein donnernder fingerzeig gottes? bevor es der mensch nicht zustande bringt direkt in die sonne zu sehen, braucht er an selbstüberwindung nicht zu denken. zuerst sollte er lernen das licht zu kontrollieren, auf das menschheitsgeschichte die weitergabe des feuers sei, nicht aber die anbetung der asche.

      • So auch Walter Benjamin: daß Wahrheit etwas sei, das aufschieße, einem Lichtblitz gleich, und schon sei es vorbei. Sie sei also nichts, das sich „haben“, geschweige (fest)halten lasse. (Wahrheit ist bei ihm ein emphatischer, nicht hingegen „bloß“ aussagelogischer Begriff im Sinn der Übereinstimmung einer Aussage mit dem Gegenstand, Prozeß usw., auf die sie angewendet werde. Sie hängt bei ihm nicht am ausgeschlossenen Dritten, sondern kann ein drittes, viertes usw. Mögliches kraftvoll mitmeinen.)

  6. Aubbau der Substanz – Welche Substanz, da ist etwas was DA ist, wie Aristoteles sagt, das Grundlegendste, das Zugrundeliegende. Das, was eine Entität ausmacht, oder? Und selbst wenn ich jetzt falsch liege – was ist DA? Wieso und woher sind doch natürliche Fragen und auch in der Kunst wird oft gefragt: wieso und woher –
    Wo kommt das, was sich hier abbaut überhaupt her?
    Und ist die Kunst der Versuch, den Abbau aufzuhalten oder zu dokumentieren?
    – Sind wir Menschen die einzigen Wesen, die an dieser Erosion verzweifeln? Mir scheint erstmal so und auch wenn ich damit falsch liege bleibt die Frage, ob da Kunst nicht die natürlichste Antwort von Verarbeitung, Therapie, geistiger Überwindung auf Erosion ist. Eine Überwindung die nur in Form von Akzeptanz geschehen kann? Wirklich nur Akzeptanz?

    Ist es nicht das, was uns rasend macht, was uns wild, toll, verrückt im Geiste macht, was schlussendlich doch auch der Antrieb ist?
    Abbau als Antrieb zum Aufbau? Ich weiß nicht, und für alles und jeden gilt das sowieso alles nicht und doch – wenn ich hier wieder falsch liege – denke ich mir: Das Wort ist die Brücke, die wir schlagen, gemeinsam zu erodieren und uns so Trost aber auch Freude zu verschaffen.

    Am Anfang war das Wort und dann kam der gemeinsame Weg – und dabei war das Wort doch ein anderes, oder?

  7. Assoziationen zu @Martin Piekar „Und ist die Kunst der Versuch, den Abbau aufzuhalten oder zu dokumentieren?“ & „und dann kam der gemeinsame Weg“:

    Bewahrung, ach. Archivieren wir die Bilder in ihrer millionenfach subjektiven Diversität. Und lassen wir das Abgebildete ihnen entwachsen bis zur absoluten Unähnlichkeit. Lassen wir es sich seiner bröckelnden Schichten entledigen, unter unserer sorgenvollen Blicken in etwas Neues hinein zerfallen. Nur das Konservierte ist tot. So schwer, das Lebendige auszuhalten, das sich unserem Zugriff entwindet.

    Schönstes Abenteuergeräusch: Das Knistern abgelegter Häute.

    Staunen über Komplexität, Trost finden in Einfachheit.
    Dem vermuteten machtvollen Wort ein schlichtes entgegensetzen (oder, abseits von Konkurrenzdenken, hinzufügen): Gehen wir ein Stück zusammen? (http://iris-bluetenblaetter.blogspot.de/2011/11/keine-sorge.html)

  8. ASHERA (Entwurf)

    Reicht nicht hin der Blick?
    Der eine oder KEINER?
    Solange ich nicht sehe!
    Mich in der MUTTER wieder, in ihrem Namen
    und gegen sie vergehe,
    wird keiner meiner Söhne,
    sich bilden.
    Ich halte in meinen Händen das Glied
    und den Willen,
    doch bleibe ich stumm,
    die Lippen verschlossen.
    Das muss aus Stein sein
    und ich, bis DIE kommt und mich
    die Schrittfolge lehrt. Denn:
    Am Anfang war nicht das WORT,
    sondern der Tanz und das Lied.
    Was sie nie schenkt: sich.
    Behalte ihren Namen. Nimm mich.
    _____________
    (Nicht vergessen: Lange bevor JAHWE sich zu erkennen gab im Wort als der Ichbinderichbin, stand ihm Ashera zur Seite. Es waren die Priester im Babylonischen Exil, die alle Erinnerung an sie zu tilgen suchten, die doch die Bilderstürme noch überstanden hatte, um endlich das WORT zu verHERRlichen. Am ANFANG aber, so behalte ich es bei mir, war nicht die Erzählung, sondern Tanz und Lied. Die Welt erstand nicht aus einem Beginn, dem schon ein Ende eingeschrieben war, von Alpha bis Omega, von Sündenfall bis Jüngstem Gericht, sondern aus Musik und Bewegung, aus dem Schwung der Hüften und dem Zyklus des Eisprungs.)

  9. Auf der Durchreise nur eilig kurz: Was ist Welt? Für uns? – Zunächst ja wohl Vorstellung, insofern vom Wort zu bezeichnen – recht und schlecht, wissenschaftlich, künstlerisch. Indem das Denken nie zum letzten Schluß gelangt, unterliegt es freilich – als Welt in Vorstellung – einem ständigen „Restaurierungsprozeß“. Welt an sich selbst, über unsere Gehlensche Kulturwelt hinaus, die ursprüngliche, dürfte mittlerweile das Ergebnis einer Chronik weitgehend irreversibler Beschädigungen sein. Inwiefern die – schöpferisch? – zu restaurieren wären, wird sich weisen. Pessimismus sei angeraten! Wachstum für uns, das bedeutet für die Welt im Sinne ihrer mannigfaltigen Natur eher Regression, negative Schöpfung, progressiver Verbrauch von Ressourcen und Mitgeschöpfen in Ergebnis der furchtbaren Oralität intelligenter Primaten, die sich einen Planeten verwursten. – Entropie, seit Boltzmann die große Richtungsangabe von Entwicklung, ist sie im weitesten Sinne kulturgeschichtlich ähnlich faßbar: große Vereinfachung, Rückbau, Kältetod? Gerade durch die zunehmende Komplexität der Apparate und die damit verbundene Verhausschweinung? Liegt die Erlösung darin, daß wir besser nicht wären? Oder entspannter: Atheismus mag die entspannende Einsicht darin sein, daß wir Verlorene sind, es sein sollten, ja besser sein müssen.

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