Der fünfte Tag

Im Anfang war das Wort, heißt es eingangs in der Bibel, die Welt wird als Sprachwelt entworfen. Ist Kunst also Nachschöpfung, indem sie einen wie auch immer gearteten Schöpfer imitiert? Wie versichert sie sich ihrer Freiheit? Ist sie Abbild oder Alternativentwurf?

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24 Gedanken zu „Der fünfte Tag

  1. Auch hier müssen wir alle aufpassen, nicht nur westlich zu denken. Andere Kulturen fassen den Beginn der Schöpfung n i c h t über das Wort, wobei dieses selbst, Logos, im westlich-orientalisch-abendländischen Bereich mehrfach codiert ist: nicht nur als Wort, sondern auch als Rede, Sinn usw. Deshalb Goethes Entscheidung für „Tat“ (Faust I, Am Anfang war die Tat, 1224 ff), was eine hochgradig spannende Verschiebung ergibt. Das Wort als Schöpfungsgrund ist sehr deutlich monotheistisch, schon weil „d a s Wort“ gesagt wird, also eine Eineindeutigkeit unterstellt; in Indien dagegen entsteht die Welt daraus, daß das Urmeer umgerührt wird. Sprache kommt erst in dem Moment ins Spiel, da dieser Vorgang erzählt wird – also jemanden haben muß, die oder der daraufgucken und das, was sie sehen, interpretieren können. Die Rede über etwas ist aber nicht dieses Etwas selbst, wenngleich etwa die mosaische Auffassung von „Name“ das so will. Auch Platons „Idee“-Konstrukt ist damit verwandt, aber eben eine Abstrahierung von Konkretem, man kann sagen: Enterdung. Mythologisch gesprochen, sind das männliche Verarbeitungsformen wie auch die Idee, daß, wer den Namen von etwas habe, auch dieses selbst habe. Hier geht es um eine Verfügbarmachung, der schulterschlüssig 1 Mose 2 zur Seite steht. Einen späten Reflex darauf finden wir noch bei Th. Mann in den Jakobbüchern, wenn der Löwe davor weicht – feige, schreibt er, also Mann – , daß man seinen Namen ausspricht.

    • durch meinen freund Norbert Lange bin ich auf Jerome Rothenberg gestoßen, einen amerikanischen dichter, der sich mit den mythen der indigenen völker beschäftigt und eben auch mit deren myrhen vom ursprung. ich bin noch nicht weit gekommen. aber hierin und in übersetzungsarbeit liegt vielleicht der schlüssel zum gegenseitigen verständnis als grundstock einer gemeinsamen erzählung, die eine sammlung sein sollte, ein patchwork. spannend ist in diesem zusammenhang auch Rosemarie Waldrops „Schlüssel zur Sprache Amerikas“. in der übersetzung, sagt Benjamin, beginnen die sprachen zu kommunizuieren. babel als chance. das wort wäre dann nicht der absolute anfang, aber ein beginn.
      interessant sind in diesem zusammenhang auch die essays von Gary Sbyder. eine auswahl ist im letzten jahr bei Matthes und Seitz erschienen.

      • Übersetzungsarbeit: ja, unbedingt! Nachdichtung, um sich einem fremden Ton einzuschmiegen und ihn mit dem eigenen, der ein Teil dessen des eignen Kulturraums ist, zu amalgamieren: Aneignung, nicht, indem man etwas auffrißt und zersetzt, sondern, auch nicht, in dem das Fremde vergötzt wird, gleichsam im Austausch gegen Eigenes, sondern indem man ein Teil davon w i r d und das Fremde ein Teil eines selbst. Genau aus diesem Grund halte ich gegen die (i m m e r religöse) Idee von „Reinheit“ die Vorstellung synkretistischer Formen: Vermischung, aber ohne unsere jeweiligen Herkünft durchzustreichen.
        Sie merken schon, dies ist ein politische Positionierung. Auch sie denkt, oder möchte zumindest denken, unseren Alltag mit. Der Reichtum des Formenspiels soll, möchte ich, auch unter uns Menschen, erhalten bleiben.

  2. (Verzeihung für fehlende Buchstaben im Text; ich tippe sehr schnell, so, wie ich denke, aber kann hier nachträglich nichts korrigieren. Was ich normalerweise wieder und wieder tu‘.)

  3. ein modell der übersetzung wäre vielleicht der englische garten, der fremde pflanzen integriert, und eben aus der integration seine schönheit bezieht. gerade verteilt der ökolöwe, eine leipziger umweltorganisation, wiesensamen mit ausschließlich einheimischen pflanzen (einheimisch und pflanze ist schon eine merkwürdige wortkombination) das halte ich für eine restaurative geste. sie wird die eingewanderten pflanzen nicht wieder vertreiben. zum glück, denn hier an der ecke steht ein wunderbarer maulbeerbaum. „fehlte er, wie trostlos wären dann haus und see.“ derweil haben sich aber am kanal waschbären und nutria angesiedelt, und die singvögel haben gelernt, dass man die (fremde) moniermottenlarve fressen kann. (ursprünglich hieß es, sie sei die finale gefahr für unsere kastanien, dabei mussten die vögel sich nur an den geschmack gewöhnen, wi wir an den von sushi und eingelegtem ingwer. auch marco polo wurde, soweit ich weiß, nicht bestraft, weil er nudeln aus china nach italien brachte.)

    • >> Die Frau und die beiden Männer stehen noch immer in der heißen Sonne, die Menge bewegt sich um sie, die Stimme des alten Mannes ist so leise, dass wir sie kaum verstehen. Der jüngere lauscht und stellt nur gelegentlich Fragen.

      “Die Wissenschaften haben sich so weit entwickelt”, sagt der Altere, “dass sie nun beginnen, wieder auf den Boden zu kommen. Wir klettern mit unserem alten, überlieferten Wissen hinauf und recht bald werden wir auf die Wissenschaften treffen, die wieder herunterklettern.” <<
      (Gary Snyder, Lektionen der Wildnis, Berlin 2011, Seite 236)

      (weil G. S. erwähnt wurde und die verschiedenen LOGOS-Kodierungen)

  4. Alles tendiert zur Vermischung, etwa auch die Palmen, die „einheimisch“ nur in der Südsee waren, und zur Veränderung. Was wir heute als schön an der Tascana erleben, ist das Ergebnis eines extremen menschlichen Raubbaus, nämlich für ihre Kriegsflotte der Römer an den dichten Wäldern, die das Gebiet einst überzogen; so gesehen, ist gerade die Schönheit der Toscana – und ihr L i c h t! – des Ergebnis einer riesigen ökologischen Katastrophe. Daß unsere hiesigen Wälder pures Ergebnis der intensiven Forstwirtschaft sind, spätestens seit dem Mittelalter, muß ich da noch nicht mal erwähnen. Ich kann auch nicht anders, als die Trockenlegung der pontinischen Sümpfe, die viel Malaria-Elend brachten, für eine große Kulturleistung zu halten. Übrigens, lacht, rasiere ich mich auch.

  5. Eich schreibt, Sprache ist Übersetzung: „Als die eigentliche Sprache erscheint mir die, in der das Wort und das Ding zusammenfallen. aus dieser Sprache, die sich rings um uns befindet, zugleich aber nicht vorhanden ist, gilt es zu übersetzen. Wir übersetzen, ohne den Urtext zu haben. Die gelungenste Übersetzung kommt ihm am nächsten und erreicht den höchsten Grad an Wirklichkeit.

    Erst wo die Übersetzung sich dem Original annähert, beginnt für mich Sprache.“

    • An sich ist ja jeder Sprechakt eine Übersetzung von Wahrnehmung oder Denken in Worte. Das Original wäre dann also nicht das, was geschaffen ist, was gegeben ist, sondern da, wo eine Ich sich und anderes denkt. Es gibt sieben Milliarden Menschen heute und es gab schon viel mehr, können wir da von plus sieben Milliarden Schöpfungen reden? Ist das das Babel, von dem du, Jan, oben schriebst?

      • übersetzen (aktiv) bedeutet, dass man sich dem, was man übersetzt angleichen muss, aber gleichzeitig die verschiedenheit bewahren. das denke ich ist die utopie, die in der sprachvielfalt wohnt. man versteht sich selbst, in dem man den nderen versteht. und das verständnis der welt könnte eine gemeinschaftliche aktion sein-

    • Aber w a n n , @Mützenfalterin, ist eine Übersetzung gelungen? Nicht etwa dann, wenn sie, in der Metaphorik der Ästhetik ausgedrückt, s c h ö n ist?

      • (À propos Schönheit: Eines der schönsten Gedichte, die ich überhaupt kenne, habe ich in gänze heute morgen >>>> dort zitiert; etwas runterscrollen, bis 9.01 Uhr, bitte. Auch dieses ist eine Schöpfung, schon allein, indem es sinnlich aus einem Fluß z w e i Flüsse erschafft und indem hier der eine Dichter eines anderen Dichters Schöpfung in eine völlig neue, aber gleich“wertige“ Schöpfung verwandelt, die nun neben der „ersten“ zugleichsteht. Übersetzung als Schöpfung-selbst.)

      • @Mützenfalterin: Wohl allein wir jeweils selbst – aber nach Maß(gab)en ästhetischer Wahrnehmung, die wir aus unseren Kulturen jeweils zu empfinden gelernt haben. Interessanterweise jedoch – vielleicht gibt es im dem Sinn wirklich kulturelle Vererbung – wenden bereits Säuglinge ihre Augen gerne Schönem zu – so ein Befund, den ich >>>> von Ulrich Renz habe. Tatsächlich gibt es – als interdisziplinäre wissenschaftlichen Zweig Schönheitsforschung. Klassischerweise scheint zur Schönheit einerseits der Goldene Schnitt zu gehören, andererseits etwas, das ihn verletzt: ganz so, wie Dichter, etwa Rilke, in das vollkommene Sonett kleine Fehler bewußt einweben; Poe: „keine höchstrangige Schönheit ohne ein gewisses Mißverhältnis in ihren Proportionen“; schließlich auch die persische Teppichwebkunst, die den Fehler einwebt, weil die Perfektion allein Allah vorbehalten sei. Möglicherweise läßt sich Schönheit negativ extrapolieren, weil es uns nicht schwerfällt, Häßliches als solches zu zeigen (auch wenn es ein Gebot unserer Erziehung ist, ggbf. zu schweigen).

  6. Im Studierzimmer: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen …“ (s. oben ANH) – Ontologisch gesehen wäre es für mich persönlich interessanter, die Formel- und Vorstellungssprache der Physik des Allerkleinsten und Allergrößten zu verstehen, so weit das nun mal gelingt. Sie berühren mich weit mehr als die Ausdrücke des Johannes-Evangeliums, das immerhin noch das philosophischste der vier ist. („Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt …“, Joh. 1,24 – eine recht suspekte bis unangenehme Vorstellung und vielleicht deswegen auch von Jandl verjandelt.) – Sprachlich jedoch, also auf die Zeichen und ihre Bedeutung bezogen, sind Literatur und Kunst freilich Schöpfung, Menschenwerk mit Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen und allem anderen. Wenn Freiheit als Begriff und Sache überhaupt je sinnvoll eine Bedeutung zukommt, dann im Akt der hohen Individualität von Sprache und Kunst, ebenso aber wohl in den Ent-Deckungen der Naturwissenschaften in der Eleganz des Technischen und dem Nachvollzug des Ästhetischen in der Mathematik.

  7. Natürlich pfuschen die Künstler dem lieben Gott (uns kleinen Admiralssöhnen hat man noch beigebracht dass es ein lieber Gott ist und dass er die Schrotthändler besonders gerne mag) ins Handwerk, deshalb rührt er sich nicht mehr. Im Ernst, betrachtet man manchmal die Wolkenzusammenstellung meint man, dort oben toben sich Klee, Beckmann und Chagall aus, weiß der Teufel wie es da zugeht. Wir armen Lebenden werden es nie erfahren.

    Ich verneige mich

    Herr Rudolf

  8. Erden

    Entbunden
    aus dem
    Schmettermosaik
    eines Engels,

    liegt ein
    blutig Wesen
    in den Dingen

    -aufgehoben-

    herkunftsnackt,

    kann kein Wort
    es ent-
    decken.

    ……………………

    Irden

    Als ein Vogel
    über dem Totentuch
    schwirrte, löste sich
    dein Federgesicht,
    flog davon
    im Hörweiß der
    Spracheinblutungsblume,
    die sich entband
    aus dem Schmettermosaik
    eines Engels.

    • @read An: Schön!
      (Ich könnte mir hier übrigens auch sehr gut Ihr „Trans:lation – Federn lassen“ vorstellen. Das hat mich kürzlich im Dschungel sehr beeindruckt.)

  9. Ja!!! Wie klasse, ich habe selbst schon mit dem Gedanken gespielt. Wissen Sie was, ich stell’s ein…

    Passt ja auch super zum Thema Cyberspace.

    Fettes Merci

  10. Nochmal anknüpfend an die Frage zum fünften Tag „Wie versichert sie [die Kunst] sich ihrer Freiheit?“:
    Wie versichere ICH mich meiner Freiheit?
    Indem ich mir erlaube, das Wort zu ergreifen aus der Beschlagnahme durch Institutionen, Wächter der Lehre, selbsternannte Hüter. Es (das Wort) gehört ihnen nicht.
    Dazu ein Gedicht, das ich bereits am 12.April 2012 geschrieben habe:

    Es gehört ihnen nicht

    Streichst wieder herum
    im Unerreichbaren du
    weißt doch ihre Himmel
    schmettern dich zu Boden
    dass du dich verkriechst
    mitsamt deinem Nest zu
    den Wurzeln flüchtest wie
    ein Wurm dich vergräbst
    die Flügel faltest über
    deiner Scham mit grauer
    Erde dich bedeckst ach
    würdest du ein Klagelied
    von deinen Lippen stoßen
    würdest du deinen Leib
    unters Tor werfen würdest
    das Wort nehmen dieses
    Wort dir zu eigen das sie
    so schlau und so eifrig in
    Besitz nahmen für ihre
    eroberten Höhen ach
    vertrau doch der Kraft
    deines Hungers entreiß
    ihnen das Wort es gehört
    ihnen nicht nimm es in
    deinen Mund unter deine
    Zunge schmecke das Wort
    roll es an deinen Zähnen
    entlang iss werde satt

    http://iris-bluetenblaetter.blogspot.de/2012/04/es-gehort-ihnen-nicht.html#comment-form

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