Der sechste Tag

Bleibt die Schöpfung, oder das, was wir so nennen, also Fragment?

Oder treibt alles, was einen Anfang hat, auch einem Ende zu?

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17 Gedanken zu „Der sechste Tag

  1. Hat das Universum ein „Ende“, ist es endlich? Die kosmologische Antwort scheint „ja“ zu sein. Aber wenn, was ist dann „dahinter“, was kommt „danach“?

    Seien wir uns klar darüber, daß es sich hier um Kinderfragen handelt, weil die Beantwortung mit uns nichts zu tun hat, weil die Antwort unser Leben in keiner Weise verändern kann, das in den Kategorien der Anschauung gelebt wird, die uns gegeben sind; zu denen gehört die Zeit, die selbst veränderbare – aber schon das können wir uns nicht vorstellen. In kosmologischen Relationen ist seit dem Bau der Cheops-Pyramide ein Zeitraum verstrichen, der einem Fingerschnippen gleicht. (Was mich lange beschäftigt hat, sinnlich beschäftigt, ist der Umstand, daß wir heute ganz dieselben, nicht etwa nur gleichen Luftmoleküle atmen, die bereits durch Aristoteles‘ Lungen gingen.)

  2. Es gibt immer wieder Gruppen von Menschen, die sich irgendwo verbarrikadieren, sich gegenseitig erschießen, oder zumindest es versuchen, weil sie davon ausgehen, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht. Zumindest für sie und ihre Angehörigen, und auch für die damit befassten Polizisten ist diese Frage nicht ohne Bedeutung.
    Aber abgesehen davon bin ich an den Fragen meiner Kinder gewachsen, und kann mich an Phasen meiner Jugend erinnern, in denen ich mit Freunden auf Zugreisen derartige Abstrakta diskutierte.
    Darüber hinaus bin ich in einem Land (DDR) aufgewachsen, dass sich als Krone und Abschluss der Geschichte sah, oder das System, das es vertrat. Dieses Land ist schneller verschwunden, als ich vermutet und gehofft hatte.
    Und ich will wissen, gebe ich zu, ob es Leben im all gibt, und wenn ja, ob wir es erkennen, und wenn es vernunftbegabt sein sollte, ob es nach dem kategorischen Imperativ handeln kann. Kant ging fest davon aus, dass es das gibt, und auch, dass der KI universelle Gültigkeit besitzt, und Steven Spielberg, glaube ich, tut das auch.

    • Auch mich interessiert das; aber es ist ein, sagen wir, spielerisch-phantastisches, also eng mit der Dichtung verwandtes Interesse, an dem das mit-Schöne die Freiheit einer Spekulation ist, die tatsächlich aus den Kategorien der Anschauung niemals herauskommen kann; wir spielen darin mit eben ihnen. Es ist ja nicht grundlos, daß die meisten poetischen Spekulationen Varianten der Mythen sind, um die wir hier immer wieder sprechen; in einem Vortrag wies ich mal darauf hin, daß nicht wenige Computerviren nach Dämonen benamst sind, und selbst die Vorstellung von Parallelwelten, in denen andere „Zeitlinien“ wirken, ist fast geradlinig von den >>>> Hörselbergen unserer Kulturen abgezogen. Das mitunter Berauschende daran ist aber, daß die Erfahrung in den Bereich unserer Leben verlegt wird; das ist ein großer Unterschied zu den auf heute imaginierten „Enden der Geschichte“. Selbst auch, wäre am historischen Determinismus etwas dran gewesen, wäre die Übernahme der Gesellschaft durch das Proletariat nicht notwendigerweise der Abschluß, sondern auch dieses, ganz nach Art revolutionärer Kader, wäre irgendwann ins Unrecht erstarrt, gegen das sich wieder andere, die nachgefolgt werden (nachfolgen werden), gewehrt hätten – und zwar mit dem notwendigen Erfolg, dem nahezu alle kulturell zum Stillstand gekommenen Zivilisationen unterlagen, quer durch die Menschheitsgeschichte, egal, wo.

  3. Ich liebe das Fragmentarische, das Unabgeschlossene, dem end- und immer Gültigen mißtraue ich, es bleibe also mal schön bei unserer VORSTELLUNG eines Anfangs (ob Urknall oder Schöpfung, beides hat, als Idee, einen gewissen Reiz) und unserer Unmöglichkeit, das Ende einer, sagen wir, unendlichen Linie zu entdecken; genauso lieber Fragen als Antworten („Gebrauch den Spaten, den du in deinen leeren Händen hältst“), denn die Bescheidwisser wissen nichts von der Absichtslosigkeit, auch nichts von Vorläufigkeit, aber es kommt die nächste Welle…, jetzt denke ich an diesen Künstler, der aus Sand seine Werke schuf und sie blieben immer nur bis zur nächsten Flut, denn auf die Wellen war Verlass…, oder jene Künstlerin vor Jahren auf der Dokumenta (das einzige, das ich davon erinnere), die ein großes Mandala aus der Asche abgebrannter Räucherstäbchen zeigte, so gesehen kann ich mir ein Ende nach dem Ende nach dem Ende vorstellen und einen Anfang vor dem Anfang vor dem Anfang usw., und in dem einen wäre dann immer schon das jeweils andere vorhanden; jetzt schreib ein Gedicht –

    • Oh, die Poesie des Vergänglichen. Kennt jemand hier die Skulpturen aus leuchtendem Blütenstaub von Wolfgang Laib? http://www.art-magazin.de/kunst/58551/wolfgang_laib_interview Ich habe sie bisher nur auf Fotos gesehen, aber sie versinnbildlichen für mich beides: das Lebendige, Unendliche und das Verschwindende, Unsichtbarwerdende. Insofern sind diese Skulpturen Fragmente aus Fragmenten, die auf etwas Größeres verweisen, was sie selbst nicht denken und sein können. Geschöpftes, das sich erschöpft.

      • Ivonne Dippmann, die mein letztes Buch Illustriert hat, zeigte zuletzt in zwei Ausstellungen Frescen. In Hamburg und Berlin. Mir war es aus verschiedenerlei Gründen nicht möglich, auch nur eine dieser Ausstellungen zu sehen. Jetzt bleiben sie als Leerstelle und Vorstellungen in meiner Erinnerung, und es gibt Fotografien auf meiner Festplatte. Aber das dass Problem dieser Vergänglichkeit, die Frescen werden übermalt werden, oder sind es schon. zugleich ihren Reiz ausmacht. (trotzdem bin ich sehr traurig, das ich die Bilder, die sie zu meinem Text entworfen hat nicht in voler Größe gesehen habe,)

  4. Die „Schöpfung“ – um dieses Wort weiter so zu gebrauchen – ist kein Fragment; wir jedoch, endlich, sind es, innerhalb der fortdauernden Schöpfung sich gattender Strings. Aber insofern in uns „die Natur ihre Augen aufgeschlagen hat“ (Schelling?), fügen wir dreist schöpferisch eine Welt hinzu und bauen sie in die vorgefundene hinein – dies alles ebenfalls fragmentarisch. Glücklicherweise. Was ergäbe sich sonst für ein sperriges Gerüst! –

  5. Und was die Bemerkung zu Deiner Herkunft betrifft, Jan – die teile ich. Interessant, daß der man in den sozialistischen Ländern glaubte, einem Endpunkt, der besten aller Welten, zuzustreben und daß, nach dem Ende der „Diktatur des Proletariats“, sofort wieder eine ganz ähnliche Idee vom „Ende der Geschichte“ auftauchte (Fukuyama)…

    • Ohne dass es hier jetzt zu christlich wird, möchte ich auf einen Begriff hinweisen, den ich gerade in einem Interview im Freitag mit Michael Hardt gelesen habe. Er spricht von einer neuen Politik der Liebe, womit er meint, dass die heutigen Protestbewegungen (Occupy, M15, Frühlinge) einerseits durch das reale Erfahren von Gemeinschaft, durch körperliche und emotionale Gemeinschaftserlebnisse so stark wurden, andererseits aber auch durch die Möglichkeiten, im Netz soziale Beziehungen aufzubauen, innerhalb derer Sinn gestiftet werden kann.
      Hier scheint doch ein neues Verständnis von Geschichte auf! Finde ich faszinierend! Weniger eines, das einem Ziel zustrebt, das fatal ist und teleologisch (Krone der Schöpfung, was auch immer sie sei, ob dies System oder das, Weltmacht oder Weltzerstörung), sondern eines, das sich vernetzend immer wieder neu zu einem je bedeutungsvollen Zentrum verknüpft. Insofern stellt auch dieses Blog in der Tradition der Politik der Liebe, denn hier entsteht Sinn innerhalb neuer Beziehungen.

  6. @ Volker Sielaff: Sehr gut beobachtet! – Dieser Glaube, wie Sie es richtig klassifizieren, hängt m. E. an der Erblast von abendländisch linearen Vorstellungen, die spätestens mit dem Juden- und Christentum und deren Eschatologie beginnen und in Hegel bzw. – umgepolt – in Marx ihren neuzeitlich modernen Ausdruck finden. Eine solche Vektorialität – stets aufstrebend – findet sich ebenso in der Technikgeschichte, im Wachstumsgedanken, im langfristigen Aktienkurs. Und nach wie vor glaubt jeder Sozialkundelehrer, in der kathartischen Vermittlung besonderer Erfahrungen des Bisherigen auch endlich den besseren Menschen schaffen zu können, ebenso wie die Amerikaner „Problemstaaten“ mit Demokratie beglücken wollen, damit sie endlich dort sind, wohin sie kraft Weltgeist immer sollten. Eher eine verhängnisvolle Illusion, meine ich. Gerade der deutsche philosophische Idealismus, auf den neuzeitlich so viel gründet (nur u. a. Kant: Zum ewigen Frieden; Hegels Geschichtsphilosophie ohnehin) ist auch eine Sollbruchstelle der schönen Illusion, das Plateau des Vernunftzeitalters in der Form einer Art „Gelehrtenrepublik“ erreichen zu wollen.

  7. Ich bin geneigt, mir Zeit und Raum als ein Möbiusband vorzustellen, das keinen Anfang und kein Ende hat, sondern aus einem ständigen Werden und Vergehen besteht, aus unendlichen Wiederholungen, ähnlich vielleicht am ehesten dem Wasserkreislauf. Und Schöpfung nicht nur als das zu Erschaffende und das Gechaffene, egal ob statisch oder wandelbar, sondern als unendlichen Akt des Schöpfens AUS etwas heraus IN etwas hinein. Quelle und Mündung.
    Viel schwerer als ein ewiges Fortdauern ist ein schon ewig Dagewesenes zu imaginieren.
    Mir ist Volker Sielaffs Kommentar sehr nahe mit der Assoziationskette am Ende. Das Absichtslose, das Vorläufige, das Unabgeschlossene, die zwar keine Sicherheit bieten können, stattdessen aber zur Teilhabe/-nahme einladen, der Mitwirkung am „großen Ganzen“, z.B. in der Form freien Assoziierens. Ich empfinde diese Möglichkeit des Imaginierens und freien Assoziierens als wunderbares Spielzeug, ein Geschenk, woher und wozu auch immer.

  8. da ist man mal nen tag bei einer jurysitzung, und schon schöpft ihr, was das zeug hält. vielen dank!
    vielleicht ist das die schopfung. man schaut kurz weg, und schon ist alles neu.

  9. Ich glaube dass am Anfang nicht das Wort war, sondern das Schweigen über das Wort. Es gab ja auch noch gar keine Gründe zu reden, die gibt es heute auch nicht und doch; wir tun es, wir sind seltsame Gestalten.

  10. Der Anfang ist das Ende

    Es bleibt der Fakt: Am Anfang stand nicht die Schöpfunggeschichte. Die sie erfanden, hatten eine Geschichte. Sie saßen im babylonischen Exil. Sie horteten Wissen und Erzählungen. Fiktionen und Tatsachen. Ängste und Verzweiflung. Sie suchten nach Antworten: Warum war es gekommen, wie es gekommen war? Als sie die Schöpfunggeschichte aufschrieben, schrieben sie schon auf das einzige mögliche Ende hin: den jüngsten Tag. Aus christlicher Perspektive (die ihre Nachfahren nicht teilen) ist er immer schon gewesen, seit jenem Tag, als sich der Himmel verdunkelte und der Sohn Gottes den Kreuztod starb.

    „Am Anfang aber war alles gut. Es war das Paradies. Und alle waren in der Ordnung. Gott setzte der Ordnung eine Krone auf: das war der Mensch. Und auch der – als Paar – war in der Ordnung. Dann aber: – wurde Gott zum Sadisten? Er setzte ins Paradies einen Köder, dessen Früchte er verbat: den Baum der Erkenntnis. Es kam, wie es kommen musste; sie übertraten das Verbot und das Paradies war verloren. Der rachsüchtige Gott schmiss sie raus und strafte sie hart: Sie sollten arbeiten und unter Schmerzen gebären.

    Die diese Geschichte entwarfen, lange nach anderen Schriften, die später Eingang in den Kanon der Tora fanden, was wollten sie sagen? Welche Erfahrung trieb sie um? Ich denke, sie sahen, was auch wir sehen: Es ist etwas am Menschen, das ihn aus der Ordnung wirft. Er fügt sich nicht ein in ein Biotop. Steht er am Fluss und schaut hinüber ans andere Ufer, mag er nicht auf seiner Seite bleiben, so schön und passend sie auch sei. „Wie wäre es dort drüben zu sein?“ Und so baut er Brücken. Der Mensch steht in dem, was Philosophen den Widerspruch zwischen Sein und Sollen genannt haben. Das wählt er nicht. Er kann nicht anders. Der Welt, wie sie ist, setzt seine Imagination unwillkürlich eine Welt, wie sein könnte oder sein sollte, entgegen. Und er beginnt, diese Welt(en) zu schaffen: zu bauen, zu erzählen, zu singen, zu tanzen, zu malen, zu schreiben. Der Mensch ist ein Schöpfer. Er setzt gegen die Ordnung der Natur eine von ihm geordnete Welt. Dem Naturgesetz unterwirft er sich nicht, sondern gibt selbst ein moralisches Gesetz. Der Mensch ist groß, sahen die Schriftgelehrten. Der Mensch arbeitet und leidet, erkannten sie. Er kann mit seinem Begehren, die Welt zu ändern, an kein Ende gelangen. Er beurteilt sein Handeln nach Maßstäben, die sich dem effizienten Gesetz der Natur entziehen: Er nennt es „gut“ und „böse“. Er erfährt sich als Entscheidungsträger und rechnet sich die falsche Entscheidung als Schuld zu. Er ist sich nie gut genug. Der Mensch kann sich mit sich selbst nicht versöhnen. Den Widerspruch zwischen Sein und Sollen, den sein unbefriedigter Blick in die Welt wirft, den trägt er in sich selbst hinein. Sie, die Schriftgelehrten, sahen, was auch wir sehen: den Menschen in einer unversöhnten Unversöhnlichkeit mit der Welt, die nicht ist, wie sie sein soll. Diesem Menschen entwarfen sie einen Anfang, von dem her sein Streben zu verstehen wäre: das Paradies. Indem sie ihm einen Anfang gaben, eröffneten sie ihm zugleich die Aussicht auf ein Ende, an dem alles wieder gut wird: die Versöhnung. Die Ordnung, von der aus der Mensch sich in der Schöpfungsgeschichte dachte, war die Ordnung des Schöpfers: Gottes.

    Dann ordneten sie das menschliche Gesetz der Geschichte der Versöhnung, die sie ersehnten, ein. Vom Sinai her dachten sie den Bund des Schöpfergottes mit seinen Geschöpfen: das Gesetz der Kultur, die Schrift, gegeben vom natürlichen Gott. In der freien Entscheidung zur unbedingten Befolgung des Gesetzes, ließe sich, hofften sie, das Unversöhnte versöhnen. Auf den Tafeln vom Sinai ist das allgemeine Menschengesetz der Vernunft festgehalten, das dem Notwendigen der Natur das Ethos der Kultur beifügt. Der Sinai-Bund werde erfüllt, so glauben bis heute orthodoxe Juden, wenn nur ein einziges Mal alle Juden das Gesetz erfüllten. Dann breche der jüngste Tag an.

    Jedoch kann das Gesetz niemals erfüllt werden. Gerade weil der Dekalog sich um Formulierungen müht, die überzeitliche und allgemeine Gültigkeit beanspruchen können (also in der Abkehr von der Kasuistik), hält er Ansprüche fest, an denen der Mensch scheitert. Zu Zeiten des Nazareners befand sich daher die jüdische Gemeinschaft in einer Auseinandersetzung darüber, wie und ob eine Versöhnung noch zu erreichen sei. Aus den Erzählungen des Neuen Testamentes ist hier besonders der Streit Jesu mit den Pharisäern bekannt. Die Pharisäer versuchen, indem sie das Gesetz eng auslegen, es erfüllbar zu machen. Die Position Jesu ist dem entgegengesetzt: Statt das Gesetz dem Alltag anzupassen, legt er die Gebote vom Sinai radikal aus. Nicht mehr nur der Ehebruch selbst sei verboten, sondern auch der bloße begehrliche Gedanke an eine andere als die eigene Frau sei verwerflich. Die Bergpredigt kann als eine Auslegung des Dekaloges verstanden werden, die stets diese Figur wiederholt: Das Gebot wird radikalisiert und seine Erfüllung verinnerlicht. Es geht beim Verstoß gegen das Gesetz in der Auslegung Jesu nicht mehr um die Tat, sondern um den Gedanken (das, was Kant später „den guten Willen“ nennen wird). In ihrer radikalen Forderung ist die Bergpredigt eine endgültige Überforderung des Menschen. Nach der Vertreibung aus dem Paradies raubt sie ihm die Hoffnung, jemals aus eigener Kraft in dieses zurück zu gelangen.“

    Quelle: Gleisbauarbeiten („Rechtfertigung Teil 2. Von Anfang bis Ende“: http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2010/06/recht-fertigung-teil-2-von-anfang-bis.html)

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